20 Jahre Hype um Tokio Hotel

So euphorisch und frenetisch Tokio Hotel vor allem, aber nicht nur, von jungen Mädchen gefeiert wurde – so groß war auch der Hass, der den Teenie-Musikern entgegenschlug. Das ging so weit, dass die Bandmitglieder sich kaum aus dem Haus trauten und auch ihr Umfeld immer wieder belästigt wurde. Es gab einen Einbruch in ihrem Haus, die Brüder wurden gestalkt. Fünf Jahre nach dem großen Hit zog sich die Band deshalb zurück und die Kaulitz-Brüder nach Los Angeles, wo sie immer noch leben.
Heute sind Tom und Bill Kaulitz wieder Gesprächsthema, aber anders – mit mehr Harmonie und Liebe und weniger Kreischalarm und Fanatismus. Wenn sie mit Listing und Schäfer – die Kindheitsfreunde sind noch immer vereint – am Freitag auf der Bühne in der Berliner Wuhlheide das 20. Jubiläum ihres Hits „Durch den Monsun“ feiern, werden dort bestimmt nicht nur Fans der ersten Stunde sein. Denn die beiden Brüder sind, so hat es den Anschein, so beliebt wie noch nie. Jeder scheint die Zwillinge jetzt cool zu finden, witzig, authentisch.
Wie wurden sie von diesen extrem polarisierenden Figuren der Popwelt zu Everybody‘s Darling?
Im Herbst 2009 hatte Tokio Hotel noch ihr drittes Album veröffentlicht, „Humanoid“, Anfang des Folgejahres gingen sie damit auf Europatournee durch 18 Länder, und dann: Stille. Mit dem Umzug von Tom und Bill Kaulitz aus dem Hamburger Umland nach Los Angeles – der Flucht, kann man fast sagen – wurde es ruhig um die Band. „Wir haben vier Jahre Pause und keine Musik mehr gemacht – wir wollten einfach nicht mehr zu dem Zeitpunkt“, sagte Tom Kaulitz im Juni dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir mussten erst lernen, unsere Arbeit und die Musik wieder zu lieben.“
Bruder Bill führte aus: „Das haben wir auf jeden Fall gebraucht, um erwachsen zu werden, uns zu sortieren und der Öffentlichkeit auch mal eine Pause von uns zu geben. Ich glaube, wir haben auch alle genervt.“ Die Entfernung zur Heimat und den außer Kontrolle geratenen Fans und Hatern schien zu helfen, und führte auch dazu, dass Frontmann Bill Kaulitz – der Mädchenschwarm seit Tag eins des Tokio-Hotel-Erfolgs – begann, offener mit seiner Homosexualität umzugehen, die er bis dato versteckt hatte. Vermeintlich um der Karriere willen, so hatte es ihm die Musikbranche eingeredet.
In der Folge hatte er nicht das eine Coming-Out, es war ein Prozess, in dem auch Bills 2021 veröffentlichte Autobiografie und der im gleichen Jahr startende Podcast „Kaulitz Hills“ mit Bruder Tom eine Rolle spielten.
Vier Jahre nach dem Rückzug, 2014, kam Tokio Hotel dann mit dem neuen Album „Kings of Suburbia“ zurück, 2017 folgte „Dream Machine“. Große Wellen wie zu „Durch den Monsun“-Zeiten schlug das aber nicht. Wieder mehr in die öffentliche Wahrnehmung gelangen die Brüder durch Tom Kaulitz‘ Beziehung mit Supermodel Heidi Klum. Die beiden lernten sich 2018 kennen, ein Jahr später folgte die Hochzeit. Zum neuen Erfolg trägt auch der 2021 gestartete Podcast bei, in dem die Brüder mit der Zeit auch immer offener über ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle sprechen, immer mit diesem Ticken Selbstironie.
2024 folgte die erste Staffel „Kaulitz & Kaulitz“, einer Realitydoku über die beiden und natürlich auch ihre Band, „ihr Baby“. Die Serie ging in diesem Sommer in die Fortsetzung – und ist wohl auch ein Faktor, der die Tokio-Hotel-Zwillinge in neue Beliebtheit katapultierte, zu „everybody‘s darling“ machte. Viele lieben ihre Geschwisterdynamik. Nur zusammen sind sie ganz, das betonen sie immer wieder, und so funktionieren sie auch in der Öffentlichkeit. Der eine sagt etwas, der andere unterbricht, beide lachen, sie nehmen sich selbst nicht zu ernst.
Ich glaube, wir haben auch alle genervt.