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Die Unis rüsten auf

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Angesichts wachsender Bedrohungen richten sich viele Hochschulen neu aus. Sie forschen an sogenannten Dual-Use-Technologien, die zivil und militärisch genutzt werden können, doch es gibt auch Widerstand.
Von Simone Fischer
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München.
Ein grauer Betonquader, so groß wie ein Autoparkplatz. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein gewöhnliches Stück Baustoff. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich das Experiment: feine Risse sind zu sehen, in der Mitte klafft ein handballgroßes Loch, durch das Stahldrähte und kleine Hohlräume sichtbar werden. Es sind Kammern, die die Energie einer Explosion ableiten sollen. Die spezielle Wandkonstruktion wurde unter Extrembedingungen auf ihre Widerstandsfähigkeit getestet. Daneben lehnen Stahlplatten, übersät mit Einschusslöchern.

Im Labor des Instituts für Konstruktiven Ingenieurbau an der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften der Universität der Bundeswehr in München (UniBw M) werden Baumaterialien erforscht. Es geht hier jedoch nicht um Architektur im klassischen Sinn, sondern um Schutz. Um Materialien und Strukturen, die Druck, Erschütterungen oder Explosionen besser standhalten sollen und damit Leben retten können. Materialien, die auch für den Krieg verwendet werden können.

„Wir wollen wissen, wie sich Material unter Detonationsdruck verhält“, erklärt Max Spannaus, Professor für Stahlbau. Mit seinem Team untersucht er Stahlschutzplatten, die Explosionen im Feldlager, an Brückenpfeilern oder Bahntrassen besser als andere standhalten und testet, wie tragfähig sie nach einer Detonation noch sind. „In Israel ist zum Beispiel bereits ein ganzes Krankenhaus mit Stahlplatten verkleidet und geschützt“, sagt Spannaus.

Der Professor und sein Team forschen an Dingen, die sowohl im zivilen Leben als auch für militärische Zwecke nützlich sein können. Dual-Use-Forschung nennt man diesen Ansatz, der derzeit besonders bedeutsam ist. Angesichts der Bedrohung durch Russland, aber auch wegen der insgesamt angespannten Weltlage, wird dieser Zweig der Wissenschaft, der lange vor allem auf zivile Sicherheit zielte, sicherheitspolitisch und wirtschaftlich immer relevanter.

„Anfragen von Unternehmen, die bislang nur im zivilen Bereich tätig waren, nehmen zu“, berichtet Spannaus. „Einige wollen jetzt militärische Märkte erschließen. Das Verständnis für Dual-Use-Forschung und die Bereitschaft, darin zu investieren, sind größer geworden. Heute fließt häufiger öffentliches Fördergeld in Forschung, die beide Bereiche betrifft.“ Zugleich entstehen Kooperationen mit europäischen Partnern, neuerdings auch mit Israel – ein Land, in dem Wissenschaft und Militär eng verflochten sind. Die Nachfrage etwa nach widerstandsfähigen Baukonstruktionen wächst, verstärkt auch durch die Überlegung, dass sicherheitsrelevante Technologien wieder stärker in Europa verankert werden müssen.

Zeitenwende erreicht die Hörsäle

In der Wissenschaft allerdings ist die Dual-Use-Forschung höchst umstritten. Und so beginnt an den Universitäten gerade ein Konflikt, der lange Zeit in Deutschland so nicht geführt wurde. Plötzlich stehen nicht mehr nur Ethik und Wissenschaftsfreiheit im Vordergrund, sondern Verteidigung, Verwundbarkeit, Resilienz. Die Zeitenwende erreicht die Hörsäle.

Politisch ist die Erwartung klar formuliert. Wenn Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) öffentlich fordert, Deutschland müsse ein führender Standort für die Entwicklung und Produktion von Drohnen werden, um die eigene Verteidigungsfähigkeit und kritische Infrastruktur zu sichern, dann geht es nicht nur um industrielle Kapazitäten, sondern auch um technologische Souveränität. Und wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen davon spricht, Europa müsse sich auf eine Art Kriegswirtschaft vorbereiten, bedeutet das auch ein Umdenken in der Forschung.

Die Frage, welche Rolle Hochschulen in dieser neuen sicherheitspolitischen Lage spielen sollen, ist heikel, gerade in Deutschland, wo Forschung lange Zeit strikt vom Militärischen getrennt war. Diese klare Trennung lässt sich heute in einigen Bereichen kaum noch aufrechterhalten. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die Bedrohungslage im Baltikum und die Defizite der eigenen Rüstungsindustrie haben diese Haltung erschüttert.

Ein Beispiel dafür liefert Carlo Masala, Professor an der UniBw in München. Bis vor Kurzem trug seine Professur den Titel „Internationale Politik“. Heute heißt sie „Sicherheits- und Verteidigungspolitik“. Für den Sicherheitsexperten ist das mehr als nur ein Etikettenwechsel. „Die härtere Sicherheitspolitik als akademische Disziplin kommt zurück“, sagt Masala. Er beobachte, dass an mehreren Standorten Professuren neu ausgeschrieben oder umgewidmet werden. „Da passiert gerade etwas. Das Interesse an sicherheitspolitischen Themen wächst deutlich, und darauf reagieren Universitäten.“

Heißt das, dass im Hörsaal künftig Verteidigung statt Frieden gelehrt wird? Masala widerspricht. „Die Friedens- und Konfliktforschung bleibt bestehen. Aber die militärische Sicherheitspolitik, die in den 1990ern und 2000ern an vielen Universitäten fast bedeutungslos geworden ist, kommt wieder zurück.“ Kolleginnen und Kollegen arbeiteten sich wieder in Literatur zu Abschreckung und Resilienz ein. Studierende interessierten sich wieder für strategische Fragen, für Abschreckung, Verwundbarkeit, Resilienz. „Das ist keine Romantisierung des Militärischen, sondern Ausdruck einer neuen Realität“, sagt Masala.

Gleichzeitig wird Dual Use zu einem Wirtschaftsfaktor. „Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie, Start-ups und akademische Forschung zusammenzubringen“, berichtet Masala. „Nicht, um nur ein Waffensystem zu verbessern, sondern um Innovation zu fördern, die in einem Panzer genauso funktioniert wie in einem zivilen Umfeld.“ Eine Transportdrohne könne an der Front Versorgungslinien sichern, aber ebenso Medikamente in abgelegene Regionen bringen. Militärisch gedachte Technologien erzeugen zivile Anwendungen und umgekehrt.

Tradition prallt auf Gegenwart

Diese Verflechtung erhöht die Verantwortung der Hochschulen. Wer an Cyberabwehr forscht, arbeitet längst nicht mehr nur an Firewalls, sondern an Resilienz. Daran, kritische Systeme nach einem erfolgreichen Angriff schnell wieder ans Netz zu bringen und funktionsfähig zu machen. Solche Forschung schützt Stadtverwaltungen, Krankenhäuser oder Energieversorger und stärkt zugleich die Verteidigungsfähigkeit.

An dieser Stelle prallt Tradition auf Gegenwart. Viele Universitäten haben eine sogenannte Zivilklausel. Sie soll sicherstellen, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen. Einheitlich geregelt ist das jedoch nicht. Während Bremen und Thüringen die Zivilklausel gesetzlich verankert haben, setzen andere Bundesländer auf freiwillige Selbstverpflichtungen einzelner Hochschulen. In Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg haben Universitäten eigene Ethikrichtlinien formuliert, um militärisch motivierte Forschung zu begrenzen. In Ländern wie Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt oder Schleswig-Holstein gibt es keine solche Regelung. In Sachsen scheiterte ein entsprechender Antrag zuletzt im November 2024. In Bayern dagegen setzt man auf Kooperationen mit der Bundeswehr, eine Zivilklausel ist dort nicht vorgesehen.

Uni Bremen lehnt Dual Use ab

Die Universität Bremen bekräftigt ihre friedensorientierte Linie. „Wir befürworten diese Ausrichtung und lehnen Forschung mit militärischer Zielsetzung weiterhin ab“, sagt Rektorin Jutta Günther. Gleichzeitig verweist sie auf die im Grundgesetz verankerte Freiheit von Forschung und Lehre. Damit eröffnet die Universität selbst ein Spannungsfeld zwischen Prinzip und Praxis. Denn die Entscheidung, ob ein Projekt stattfindet, liegt bei den Forschenden selbst.

Die Technische Universität Darmstadt wählt einen anderen Ansatz. „Militärische Forschung wird nicht grundsätzlich ausgeschlossen, sofern sie friedlichen Zielen dient, etwa der Verteidigung“, erläutert Matthias Oechsner, Vizepräsident für Forschung. Beispiele dafür gibt es bereits: Das LOEWE-Zentrum emergenCITY erforscht seit 2020, wie digitale Städte in Krisen funktionsfähig bleiben, also resilient gegen Ausfälle und Angriffe werden. Sicherheitspolitik könne Teil gesellschaftlicher Verantwortung sein, wenn sie kritisch reflektiert und transparent geprüft werde. Eine Ethikkommission, sagt Oechsner, bewerte sicherheitsrelevante Projekte, bevor sie starten.

In Nordrhein-Westfalen gab es bis 2019 eine Zivilklausel im Landeshochschulgesetz. „Unsere Verantwortung liegt heute darin, relevantes Wissen zum gesellschaftlichen Nutzen bereitzustellen“, sagt Thorsten Karbach, Sprecher der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Start-ups seien ein wichtiger Weg, Wissen in die Gesellschaft zu tragen. Aus der Hochschule sind in den vergangenen Jahren Unternehmen wie Voltfang hervorgegangen, das Altbatterien zu Energiespeichern aufbereitet, oder Cylib, das auf umweltfreundliches Batterierecycling setzt. Beide zeigen, wie sich Forschung in marktfähige Innovation übersetzen lässt, ganz ohne militärischen Hintergrund, aber dennoch auch fürs Militär nutzbar.

Zwischen diesen Polen, der friedenspolitischen Tradition, ethischer Absicherung und wirtschaftlich verstandener Resilienz, verläuft der Bruch in der Wissenschaftsdebatte. Er reicht bis hin zu der Frage, wie die nächste Studierendengeneration ausgebildet werden soll. Masala: „Gefragt sind Studierende mit kritischem Geist. Wir wollen, dass Annahmen infrage gestellt werden. Auch unsere eigenen.“

Am Ende steht eine Verschiebung, die größer ist als jede einzelne Technologie. Forschung, die ursprünglich zivil gedacht war, bekommt sicherheitspolitisches Gewicht und beansprucht gesellschaftlichen Nutzen. Die Politik erwartet sichtbare Ergebnisse. Die Wirtschaft sucht nach Innovation und nach Fachkräften, die sich in dieser neuen Lage bewegen können. „Verteidigungspolitik ist aus dieser Perspektive Friedensforschung“, sagt Masala. „Es geht darum, den Frieden zu sichern.“

Die Zeitenwende ist damit nicht nur ein Wort aus Berlin. Sie ist längst im Seminarraum angekommen. Und im Labor. Und in dem Moment, in dem aus einer Idee eine Technologie wird, die beides kann: ziviles Leben schützen und bereichern. Und im Ernstfall verteidigen.

Wir befürworten diese Ausrichtung und lehnen Forschung mit militärischer Zielsetzung weiterhin ab.

Jutta Günther,
Rektorin der Universität Bremen