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Panorama

„Die Schilderungen sind unerträglich“

„Die Schilderungen sind unerträglich“
Vorwurf Mord: Ein 21-jähriger Hamburger soll labile Jugendliche online zum Suizid getrieben haben
Von Thorsten Fuchs
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Hannover.
Er soll einen 14-Jährigen dazu gebracht haben, sich vor der Kamera zu erhängen. Eine ebenfalls 14-Jährige soll sich auf sein Geheiß Messer in den Körper eingeführt haben. Eine 13-Jährige soll er gleichsam gezwungen haben, sich Symbole in die Haut zu ritzen. Und dies ist nur eine kleine Auswahl all der kaum zu schildernden Grausamkeiten, die die Ermittler in Hamburg dem Angeklagten J. vorwerfen.

An diesem Freitag beginnt am dortigen Landgericht der Prozess gegen den 21-Jährigen, der im Netz unter dem Pseudonym „White Tiger” agierte und die Taten selbst zum Teil noch als Jugendlicher begangen haben soll. Mehr als 200 Straftaten listet die Anklage auf, darunter einen vollendeten und fünf versuchte Morde. Die 30 Opfer stammen aus den USA, Kanada, Finnland und Deutschland, darunter zwei aus Hamburg, eines aus Niedersachsen.

J., ein junger Mann mit deutsch-iranischen Wurzeln aus wohlhabendem Elternhaus, war im Sommer in Hamburg festgenommen worden – nach mehrmonatigen Ermittlungen. Für die Beamten ergab sich das Bild eines manipulativen Online-Sadisten, der in Chats und Foren gezielt nach labilen Jugendlichen suchte.

„White Tiger“ soll dabei eine führende Figur eines pädokriminellen Netzwerks namens „764“ gewesen sein, das wiederum Teil der noch weit größeren virtuellen Vereinigung „Com“ ist. Gerade erst bestätigte die Polizei in Rostock Ermittlungen in ähnlichen Fällen aus Mecklenburg-Vorpommern, auch dort sollen Jugendliche zu Selbstverletzungen gedrängt worden sein.

J. selbst bestritt zuletzt im „Spiegel“ über seine Anwältin Christiane Yüksel den Mordvorwurf, näher äußern wolle sie sich erst vor Gericht. Der Prozess findet vor einer Jugendkammer statt, die Öffentlichkeit ist dort von Anfang an ausgeschlossen.

Als Nebenklägerin hat das Gericht eine heute 16-Jährige Finnin zugelassen, die als Zwölfjährige selbst Opfer der Online-Manipulation wurde. „Meine Mandantin ist schwerst traumatisiert und befindet sich in intensiver psychologischer Behandlung“, erklärt der Göttinger Opferanwalt Steffen Hörning, der sie vor Gericht vertritt. „Sie wird – nach allem, was man derzeit sagen kann – noch viele Jahre mit den Folgen dieser Taten zu kämpfen haben.“ Für seine Mandantin will er zunächst erreichen, dass sie ihre Aussage per audiovisueller Vernehmung machen kann – um ihr die persönliche Begegnung im Gericht zu ersparen. Eines aber steht für ihn dennoch bereits fest. Es gehe hier um extrem grausame Verbrechen. „Schon die Schilderungen davon sind nahezu unerträglich und übersteigen alles, was ich mir vorstellen konnte“, sagt der erfahrene Opferanwalt. „Dieser Prozess wird allen Beteiligten extrem viel abverlangen.“